Interview mit meiner Krimi-Protagonistin Emma Stanford über Wahrheit, Zweifel und ihren Beruf

Frau Stanford, Warum sind Sie Kriminalhauptkommissarin geworden?
Hm. Vermutlich, weil ich versuchen möchte, die Wahrheit zu ergründen, auch wenn ich weiß, dass es keine absolute, objektive Wahrheit gibt. Es wird immer einen letzten Zweifel geben. Aber ich glaube auch, diesen Zweifel komplett ausräumen zu wollen, wäre töricht. Dieser Wunsch ist geboren aus Angst. Derselben Angst, die den Hass nährt.
Es wird niemand zum Verbrecher geboren und es ist auch nicht so, dass jeder Mensch ein potentieller Verbrecher ist. Es gibt aber im Leben von Menschen Situationen, die sie überfordern. Sie kommen mit einer Änderung nicht klar. Und dann tun sie etwas dagegen – aber das Leben ist kein Videospiel. Da kannst du nicht vorher speichern und wenn es blöd läuft, neu laden.
Und dann ist jemand tot.
Genau, und wartet am Münchhausenbrunnen darauf, dass jemand seinen Mörder schnappt.
Frustriert sie das nicht manchmal?
Was? Dass ich den Mörder schnappe? Ganz bestimmt nicht. Aber Sie haben schon recht, manchmal wünsche ich mir schon, ich könnte tätig werden, bevor etwas passiert. Letztendlich kann ich nur hinterher aufräumen.
Nehmen Sie da viel ins Privatleben mit? Ich meine, Sie sind Mutter einer 6-jährigen Tochter…
Würden Sie das auch einen Mann fragen?
Schon, wenn es um Work-Life-Balance geht…
Danke der Nachfrage, aber um die ist es bestens bestellt.
Aber Sie sind geschieden…
Diese Information ist korrekt. Und wir haben das gemeinsame Sorgerecht, was bedeutet, dass ich voll und ganz meine Pflichten als Kriminalhauptkommissarin erfüllen kann.
Das glaube ich gerne. Gibt es bei dieser Arbeit Menschen, vor denen Sie schon mal richtig Angst hatten?
Angst nicht, aber Respekt. Ich bin ja nicht naiv und weiß, was diejenigen auf dem Kerbholz haben. Aber um ein Geständnis zu bekommen, braucht es den Wunsch, verstehen zu wollen. Seine oder weit seltener ihre Seite der Geschichte hören zu wollen, wahrzunehmen, was einen Menschen dazu bringt, zu töten. Das heißt nicht, zu vergessen oder zu verzeihen. Wenn Sie einmal eine übel zugerichtete Leiche gesehen haben, geht das sowieso nicht mehr. Aber eben ein Stück weit seinen Weg „mitzugehen“. Da gibt es nichts, was es nicht gibt und es ist jedes Mal eine Reise ins Ungewisse.